Das Stück: Britische Nazis

 

London 1935: Eher zufällig gerät Richard Hannay während einer Varieté-Vorstellung in den Strudel einer Verschwörung und lernt dabei die Agentin Annabella Schmidt kennen. Als diese wenig später in seiner Wohnung ums Leben kommt, wird er sogleich als Mörder verdächtigt. Vor ihrem Tod aber hat die geheimnisvolle Fremde ihn auf eine heiße Spur gesetzt. Es gilt, einen gefährlichen Spionage-Ring „39 Stufen“ unschädlich zu machen. Hannay flieht nach Schottland, kommt dort – noch immer von der Polizei verfolgt – den Schurken auf die Schliche und enttarnt gar einen als Biedermann getarnten Professor, der als Haupt einer Nazi-Gruppe mit geheimdienstlichen Umtrieben den Krieg vorbereitet. Von Agenten und zugleich von der Polizei gejagt, gerät Hannay in immer größere Gefahr, bis endlich abermals in London in einem Westend-Theater das spannende Geschehen sich auflöst. Wie? Darüber hier kein Wort. Nur soviel: Es geht gut aus. Aber das ist bei Alfred Hitchcock, dem Altmeister des pointierten Thrillers, ohnehin die Regel. Auf den frühen Hitchcock-Film „39 Stufen“ von 1935 geht denn auch das dankbare Theaterstück zurück, das 2006 von Patrick Barlow zu einem hochtourigen Vier-Personen-Krimi mit starkem komödiantischem Einschlag arrangiert wurde und derzeit auf zahlreichen Bühnen zu sehen ist. (rkr.)

 

 

Ein Bühnenjux mit Spaß und Spannung

 

Erfolgreiche Krimikomödie „Die 39 Stufen“ nach Alfred Hitchcock am Kammertheater Karlsruhe

 

Von Rüdiger Krohn

 

 

Spaß und Spannung – das ist eine Mischung, die beim Publikum gut ankommt. So war es denn eine geschickte Wahl des Karlsruher Kammertheaters, die Krimikomödie „Die 39 Stufen“ nach dem berühmten Thriller von Alfred Hitchcock ins Programm zu nehmen. Der große Erfolg dieser Produktion bestätigt die glückliche Entscheidung des Hausherrn Bernd Gnann, dessen Schwester Christine Gnann den Abend als Regisseurin mit Witz und Tempo wirkungsvoll in Szene setzte.

 

Der Clou der Einstudierung besteht in ihrer drastischen Verschlankung. Auf der schwarz ausgeschlagenen Bühne (Ausstattung Karin von Kries) werden je nach Bedarf und Szene wechselnde Versatzstücke herein und wieder heraus geschoben, mit denen mal ein Zugabteil, mal ein Salon oder mal eine Straßenecke angedeutet wird. Das rückt das Augenmerk der Zuschauer auf die Protagonisten, die da nun in aberwitzig beschleunigten Bild- und Rollenwechseln die spannende Handlung einerseits rasant voranpeitschen, andererseits aber auch durch ulkige Brechungen und augenzwinkernde Gags virtuos verfremden. Da genügen oft nur winzige Zutaten wie ein anderer Hut, eine Kittelschürze oder mimische Variation, um immer neue Situationen und Figuren zu schaffen. Solche Wechsel-dich-Gaudi, die von den Darstellern mit animierter Spiellaune und kreuzfideler Wandlungslust entfaltet wird, verleiht dem 100-minütigen, pausenlosen Abend eine enorme komödiantische Schubkraft, die durch eine clevere Zuspitzung der Screwball-Dialoge geistreich gewürzt wird.

 

Vom ansteckend aufgekratzten Ensemble bleibt nur Oliver Nitsche als gejagter Hannay bei einer einzigen Rolle stehen, die er nach bewährter Agenten-Manier durchzieht und nur gelegentlich mit ironischen Akzenten versieht, während um ihn herum seine drei Mitspieler in immer neuen Figuren ihrem Lustspiel-Affen beherzt Zucker geben. Vor allem Hans Rüdiger Kucich überrascht als Gangster oder Professorengattin, als schottischer Bauer oder debiler Gastwirt mit zahlreichen Bravourstückchen seiner Kunst; Matthias Herrmann brilliert auf amüsanter Bandbreite als falscher Prof, sächselnde Wirtin oder stammelnder Veteran; und Elif Veyisoglu offeriert als mysteriöse Agentin, als flirtendes Landei oder wackere Britin Pamela eine bemerkenswerte Farbpalette.

 

Dutzende Rollen entstehen und verschwinden da in rasender Geschwindigkeit, und doch bleiben einige Szenen in besonders plastischer Erinnerung – etwa die groteske Wahlveranstaltung, auf der Hannay unvermutet als Redner nach anfänglicher Befangenheit zu pompöser Hochform aufläuft, oder die Jagdszenen auf dem Dach des dahinbrausenden Flying Scotsman. Viele Momente erinnern absichtlich an Bilder aus Hitchcocks „39 Stufen“, und was im Kino die raschen Schnitte bewirken, das leisten im Stück die blitzartigen Verwandlungen, denen das Ensemble in der gewitzten Regie von Christine Gnann vergnüglichen Schwung verleiht.

 

INFO: Die nächsten Vorstellungen von „Die 39 Stufen“ am Karlsruher Kammertheater sind für den 17., 18., 19. und 20. März vorgesehen. Karten und weitere Termine unter Telefon 0721 23111 sowie im Internet: www.kammertheater-karlsruhe.de.