Agenten-Gaudi mit rasanten
Rollenwechseln
Kammertheater Karlsruhe
zeigt Patrick Barlows Bühnenparodie des Hitchcock-Frühwerks „Die 39 Stufen“
Hitchcock-Spannung bei den Karlsruher Krimitagen? Das trifft in diesem Jahr mal
nicht nur bildhaft, sondern tatsächlich zu: Das Stück „Die 39 Stufen“, dessen
Premiere im Kammertheater sich in das Krimi-Festival einfügte, beruht auf einem
frühen Agententhriller des britischen Meisterregisseurs. Wobei eingeräumt werden
muss: „Spannung“ ist dann doch nicht das treffende Wort. Aber die
„Hitchcock-Gaudi-Garantie“ hat sich bislang noch nicht richtig durchgesetzt.
Das freilich dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, steht die urkomische
Theaterfassung dieses 1935 gedrehten Streifens doch derzeit auf fast jedem
zweiten Theaterspielplan: Vom Berliner Theater am Kurfürstendamm über die
Staatstheater in Oldenburg und Kassel bis zu Häusern der Region wie dem
Stadttheater Pforzheim widmen sich die Bühnen dieser Thrillerparodie von Patrick
Barlow, die ihren Siegeszug 2006 von London aus angetreten hat. In Karlsruhe
lässt sich einmal mehr erahnen, warum: Die abstruse Verfolgungs- und
Verschwörungsgeschichte ist einfach ein Fest für Schauspieler und voller
Gelegenheiten für gewitzte Bühnenideen.
Die Story dreht sich um den Mittdreißiger Richard Hannay, dem sich nach einem
Varieté-Besuch eine junge Frau aufdrängt und behauptet, von ausländischen
Agenten verfolgt zu werden. Als sie in seiner Wohnung ermordet wird, macht sich
Hannay auf, um das dahinter stehende Rätsel zu lösen. Weil er aber – wenig
überraschend – für den Täter gehalten wird, ist sein Leben von da an eine
einzige Flucht: vor Agenten, Polizisten und dann auch noch vor der jungen
Pamela, die ihn mehrfach verrät, bevor sie an seine Unschuld glaubt.
Der Clou an der Theaterfassung ist die Beschränkung auf vier Schauspieler. Einer
gibt den Dauerflüchtling Hannay, die Frau im Ensemble tritt als Mordopfer,
Verräterin und verführerisches Bauernweib auf – und alle anderen Rollen,
angeblich über 100, müssen von zwei Darstellern gestemmt werden. Das riecht
verdächtig nach Theater-AG-Klamauk, doch Regisseurin Christine Gnann hat mit dem
langjährigen Kammertheater-Darsteller Hans Rüdiger Kucich und seinem Kollegen
Matthias Herrmann zwei Volltreffer gelandet: Als obskurer Gedächtniskünstler,
brummiger Bauer oder hinterhältige Professorengattin (Kucich), als ungläubiger
Polizeichef, eiskalter Oberschurke oder aufdringliche Hotelbetreiberin
(Herrmann) glänzen sie ebenso wie im Doppelpack als Polizisten, Mörder,
Unterwäsche-Vertreter oder tattrige Wahlreden-Helfer (eine besonders hinreißende
Nummer!). Die beiden zappen zwischen ihren Rollen hin und her, bis jeder noch so
flotte Filmschnitt abgehängt ist und der Zuschauer sich nur noch japsend fragt,
was das Duo als nächstes bereit hält.
Bei einem solchen Pointen-Powerplay ist der Darsteller des Richard Hannay umso
mehr gefordert, die ohnehin arg konstruierte Dramaturgie nicht vollends zum
Stückwerk zerbröseln zu lassen. Auch das klappt bestens: Oliver Nitsche gibt den
blasierten Abenteurer mit genau jener Dosis an Selbstironie, die Hannay nicht in
den Vordergrund spielt, aber auch nicht blass bleiben lässt. Spätestens wenn er
mit Handschellen an die verräterische Pamela gekettet ist, nimmt auch sein
Zusammenspiel mit Elif Veyisoglu Fahrt auf: Die Szene, in der die beiden sich
vor einem Hotelierspaar als unzertrennliches Liebespaar ausgeben, um die
Handschellen zu verbergen, punktet mit bestens dosierter Körperkomik.
Zudem zeigt die Regisseurin (die Schwester des Kammerspiel-Intendanten Bernd
Gnann) gemeinsam mit Bühnenbildnerin Karin von Kries auch ein Händchen für
gewitztes Spiel mit bewusst sparsamen Mitteln: Die Requisiten beschränken sich
auf ein paar Stühle und Koffer, die nicht nur im Handumdrehen zum Zugabteil, zum
Auto oder zur Wand werden, sondern sogar als Bett taugen – hochkant mit davor
gestellten Schauspielern, so dass es aussieht, als blicke eine schwebende Kamera
von oben auf die Szenerie. Da nähert sich das Theater augenzwinkernd dem Film –
und bleibt doch immer bei sich selbst in diesem 100-minütigen Vergnügen. Andreas
Jüttner