Zwei Erzkomödianten drehen auf
Im Kammertheater führt ein Live-Hörspiel „In 80 Tagen um die Welt“

Wer nicht lesen mag, kann immer noch hören. Und wem das nicht reicht, kann jetzt auch ins Theater gehen, genauer gesagt: ins Kammertheater. Denn dort wird der Roman „In 80 Tagen um die Welt“ von Jules Verne aus dem Jahre 1872 als „spektakuläre Live-Hörspiel-Show“ dargeboten in einer Fassung und Inszenierung von Günter Maurer, die es gehörig krachen lässt. Vernes Reisebericht, der von dem spleenigen Engländer Phileas Fogg und seinem französischen Diener sowie von ihren Abenteuern bei der Fahrt über fünf Kontinente erzählt, ist bereits mehrfach verfilmt und noch öfter in Hör-Fassungen präsentiert worden, und stets kann sich ein breites Publikum von den haarsträubenden Geschichten unterhalten fühlen. Die ereignisreiche Tour der beiden Reisenden, die immer wieder durch Gefahren auf hoher See, auf dem Rücken von Elefanten, im Fesselballon und mit der Eisenbahn quer durch Amerika, bei Indianerüberfällen und in zwielichtigen Opium-Kaschemmen verzögert wird, steht wegen einer Wette unter argem Zeitdruck. Zahlreiche Behinderungen und ihre clevere Überwindung setzen den Leser, pardon: den Betrachter unter ständige Spannung – etwa wenn Fogg nebenbei in Indien die schöne Witwe Aoula davor bewahrt, mit ihrem toten Gatten verbrannt zu werden, wenn der eifrige Londoner Detektiv Fix den Kavalier in der irrigen Annahme verfolgt, dieser sei ein flüchtiger Bankräuber, oder wenn der schlitzohrige Passepartou sich nur als Zirkusakrobat aus seiner misslichen Lage befreien kann. Natürlich löst sich alles in Wohlgefallen auf, und am Ende heiratet Fogg gar die schnell getröstete Witwe Aoula.
Günter Maurer hat den Roman mit rabiaten Strichen und beherzten Raffungen auf pausenlose 90 Minuten verkürzt, in denen zwei Erzkomödianten des Kammertheaters ihrem Lustspiel-Affen ausgiebig Zucker und dem Theater allemal das geben, was des Theaters ist. Die gewählte Form des Abends, bei dem das Publikum auf der Bühne der Verfertigung eines Hörspiels mit allerlei drolligen Radio-Tricks und Geräuschmaschinen zuschaut, sieht in der Sparsamkeit der Mittel zugleich eine Chance zur Bündelung der Effekte. Bisweilen gar nehmen die ulkigen Gags, wenn schier jedes Wort mit einer akustischen Illustration versehen wird und die Freude am Jux das Vergnügen am Text selbst zu überlagern droht, ein wenig überhand. Überflüssig sind aufgesetzte „Aktualisierungen“ des Geschehens, wenn da von „spanischen Gurken“ und der Karlsruher U-Strab die Rede ist und der bedrängte Passepartou in einem eingespielten Video an den versperrten Klotüren unter der Marktplatz-Pyramide der Fächerstadt fast verzweifelt. Etwas weniger wäre hier mehr gewesen.
Intendant Bernd Gnann als Fogg und Hans Rüdiger Kucich als Passepartout hielten den Abend mit entfesselter Spielfreude auf hohen Touren, spielten nebenbei auch noch die übrigen Rollen, bewiesen eine vergnügliche Vielseitigkeit und bewegten sich im magischen Gerätepark des chaotisch voll gepackten Hörspiel-Studios, das da (von wem?) auf der Bühne eingerichtet war, mit souveräner Virtuosität. Das Publikum hatte viel Spaß an dieser bunten Hör-Fahrt und spendete reichlich Beifall. rkr